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Warum deine beste technische Lösung im Team plötzlich niemanden interessiert

Geschrieben für Teamleiterinnen und Teamleiter in der IT, die bis vor Kurzem selbst zu den stärksten Technikern ihres Teams gehörten und jetzt merken, dass ihre Ideen anders ankommen als früher. Die Szene spielt in einem Datenteam rund um einen Proof of Concept, einen schnell gebauten Machbarkeitsnachweis für eine technische Idee. Wo der Text von Layer 0 spricht, meint er die unterste Schicht eines Modells, das Führung nach dem Vorbild des OSI-Netzwerkmodells in Ebenen ordnet: das Selbstverständnis der Führungskraft, vergleichbar mit der Firmware eines Geräts, die vor allem anderen startet. Der Text führt durch die Ideen, die erklären, warum gute Lösungen von oben so oft liegen bleiben: vom Maker-Begriff des Programmierers Paul Graham über die Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan bis zu den Multiplikatoren von Liz Wiseman. Am Ende wirst du verstehen, warum gerade deine besten Lösungen dein Team bremsen können und was das mit Micromanagement zu tun hat.
Der nächtliche Datenimport dauert fünf Stunden. Seit Monaten ist das ein Ärgernis, und seit Monaten steht ein Ticket dazu im Backlog. Markus leitet das Datenteam seit vier Monaten. Vorher war er dort der Entwickler, den man rief, wenn eine Abfrage hing.
Am Wochenende setzt er sich hin, nur um es sich mal anzusehen. Am Sonntagabend läuft ein Prototyp, der die Daten in kleinen Paketen verarbeitet, sobald sie eintreffen. Der Import dauert damit vierzig Minuten, zumindest auf seinem Laptop. Er ist stolz, und er hat allen Grund dazu.
Am Montag zeigt er den Prototyp im Team-Weekly. Architekturskizze, Messwerte, ein sauberer Plan in sechs Schritten. Das Team hört zu. Eine Kollegin fragt, wie der Betrieb aussehen soll, wenn nachts etwas hängen bleibt. Markus hat eine Antwort parat. Danach nicken alle. Er legt sechs Tickets an.
Zwei Wochen später sind die Tickets unberührt. Jeder war mit etwas anderem beschäftigt, und jede einzelne Begründung klingt plausibel. Im Einzelgespräch fragt Markus einen erfahrenen Kollegen vorsichtig, was los sei. Der zuckt mit den Schultern und sagt: „Ist halt deine Lösung.“
Erst Wochen später erfährt Markus nebenbei, dass das Team schon im Frühjahr über eine andere Idee gesprochen hatte, eine Aufteilung der Tabellen nach Datum. Niemand hatte sie in seinem Weekly erwähnt.
Micromanagement beginnt oft mit einer guten Idee
Wenn das Wort Micromanagement fällt, denken die meisten an einen Chef, der jede Mail mitlesen will und dreimal am Tag nach dem Stand fragt. Markus würde sich selbst als zurückhaltend beschreiben: Er lässt seine Leute in Ruhe arbeiten und fragt kaum je nach dem Stand.
Micromanagement hat eine zweite, freundlichere Form, die in IT-Teams weit verbreitet ist: Die Führungskraft löst die Probleme, die eigentlich dem Team gehören. Sie tut es aus Begeisterung, aus Können, oft auch aus Ungeduld. Das Ergebnis ist dasselbe wie bei der kontrollierenden Variante. Die Entscheidung, wie etwas gebaut wird, wandert vom Team zur Führungskraft.
Für das Team ergibt sich daraus eine einfache Logik. Wenn der Chef die Lösung schon hat, bleibt für uns die Ausführung. Wer nur ausführt, wartet auf Anweisungen. Und wer auf Anweisungen wartet, fängt nicht von allein an. Die sechs Tickets liegen also aus einem nachvollziehbaren Grund: Sie gehören gefühlt Markus.
Was eine fertige Lösung im Team auslöst
Dazu kommt ein zweiter Effekt. Markus war der beste Techniker im Raum, und er ist jetzt der Chef. Wer seiner Lösung widerspricht, widerspricht beiden. Die Kollegin mit der Frage zum Betrieb war die Einzige, die es versucht hat. Alle anderen haben genickt, weil Nicken in dieser Lage am wenigsten kostet.
Und die Idee aus dem Frühjahr? Sie hatte im Weekly keine Chance. Gegen einen fertigen Prototyp mit Messwerten wirkt eine halb besprochene Idee wie ein Einwand, und wer sie vorbringt, muss sie gegen den Chef verteidigen, bevor sie ausgereift ist. Also blieb sie, wo sie war.
Aus Markus' Sicht hat er dem Team Arbeit abgenommen. Aus Sicht des Teams hat er ihm etwas weggenommen. Beide Sichten lassen sich erklären, und die Erklärungen stammen aus ganz unterschiedlichen Ecken: aus dem Essay eines Programmierers, aus über fünfzig Jahren Motivationsforschung, aus der Verhaltensökonomie und aus der Beobachtung von Führungskräften in einem Softwarekonzern.
Grundlagen: Warum Micromanagement aus dem Maker-Modus entsteht
Die Ideen, um die es hier geht, sind nacheinander und weitgehend unabhängig voneinander entstanden. Ein Psychologe fragte Anfang der 1970er Jahre, was Belohnung mit Neugier macht. Ein Programmierer und Investor schrieb 2009 auf, warum Entwickler Meetings hassen. Eine frühere Managerin aus der Softwarebranche suchte nach dem Unterschied zwischen Chefs, die ihre Leute klüger machen, und solchen, die sie kleiner machen. Und drei Verhaltensforscher prüften, warum Menschen ihre eigenen Bastelarbeiten so hoch schätzen. Jede dieser Ideen beleuchtet eine andere Seite von Markus' Montag.
Paul Graham: Maker und Manager leben in verschiedenen Zeiteinheiten
Der Begriff, mit dem viele Techniker ihren alten Modus beschreiben, stammt aus einem kurzen Essay. Paul Graham, geboren 1964, britisch-amerikanischer Programmierer, Essayist und Investor, hatte in den 1990er Jahren einen der ersten Webshop-Baukästen entwickelt und 2005 den Start-up-Finanzierer Y Combinator mitgegründet. Im Juli 2009 veröffentlichte er auf seiner Website den Text „Maker's Schedule, Manager's Schedule“.
Graham unterscheidet darin zwei Arten, mit Zeit umzugehen:
- Der Maker-Kalender besteht aus großen Blöcken, mindestens einem halben Tag. Wer programmiert oder schreibt, braucht diese Blöcke, weil er sich erst in ein Problem hineindenken muss, bevor er daran arbeiten kann. Gut programmieren könne man nicht in Einheiten von einer Stunde, schreibt Graham.
- Der Manager-Kalender besteht aus Stundenkästchen. Wer führt, wechselt von Termin zu Termin, und ein weiteres Meeting ist für ihn nur ein weiteres Kästchen.
Für einen Maker dagegen wirkt ein Meeting wie eine geworfene Exception, wie Graham es in der Sprache der Programmierer ausdrückt: Es unterbricht den Ablauf und kann einen ganzen Nachmittag zerstören.
Graham schrieb den Text als Bitte an Investoren und Manager, die Kosten eines Termins für Entwickler zu verstehen. Für einen neuen Teamleiter liest er sich wie eine Beschreibung des eigenen Umbruchs. Markus' Kalender ist seit vier Monaten ein Manager-Kalender. Die großen Blöcke, in denen er früher Probleme geknackt hat, gibt es unter der Woche nicht mehr. Also wandert die Maker-Arbeit dorthin, wo noch Blöcke frei sind: an das Wochenende. Der Prototyp vom Sonntag folgt genau aus dieser Lage: Er ist das, was ein Maker tut, dem der Alltag keine Maker-Zeit mehr lässt.
Edward L. Deci und Richard M. Ryan: Die Selbstbestimmungstheorie
Warum eine technisch überlegene Lösung so wenig Zugkraft entwickelt, erklärt eine der am besten untersuchten Theorien der Motivationspsychologie. Ihre Geschichte beginnt mit einem Puzzle.
Edward L. Deci (1942–2026), US-amerikanischer Psychologe, geboren in Palmyra im Bundesstaat New York, hatte 1970 an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh promoviert. Die Psychologie seiner Zeit war stark vom Behaviorismus geprägt, der davon ausging, dass Belohnung Verhalten verstärkt. Deci wollte wissen, ob das auch für Tätigkeiten gilt, die Menschen ohnehin gern tun. 1971 veröffentlichte er im „Journal of Personality and Social Psychology“ ein Experiment mit dem Soma-Würfel, einem Legespiel aus sieben Teilen, mit dem sich viele Figuren bauen lassen.
Studierende kamen zu drei Sitzungen und lösten Puzzleaufgaben. Eine Gruppe bekam in der zweiten Sitzung einen Dollar für jede gelöste Aufgabe, die andere nichts. In jeder Sitzung verließ der Versuchsleiter für acht Minuten den Raum, und die Teilnehmenden konnten tun, was sie wollten: Zeitschriften lesen oder weiterpuzzeln. In der dritten Sitzung, als es für niemanden mehr Geld gab, beschäftigte sich die zuvor bezahlte Gruppe in diesen freien Minuten deutlich kürzer mit den Würfeln. Bei der Gruppe, die nie Geld bekommen hatte, blieb das Interesse erhalten. Die Belohnung hatte das Spiel in Arbeit verwandelt, und Arbeit macht man nicht freiwillig in der Pause.
Ende der 1970er Jahre kam Richard M. Ryan, geboren 1953, US-amerikanischer Psychologe, als Doktorand an die University of Rochester, an der Deci inzwischen lehrte. Aus der Zusammenarbeit der beiden entstand über Jahrzehnte die Selbstbestimmungstheorie, erstmals umfassend dargelegt 1985 in „Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior“. Ryan lehrt heute an der Australian Catholic University in Sydney und weiterhin in Rochester. Deci, der lange das Human Motivation Program in Rochester leitete, starb am 14. Februar 2026 im Alter von 83 Jahren.
Die Selbstbestimmungstheorie nennt drei psychologische Grundbedürfnisse. Sind sie erfüllt, entsteht Motivation von innen. Werden sie verletzt, braucht es Druck von außen, damit überhaupt etwas passiert.
- Autonomie: das Erleben, selbst über den eigenen Weg zu bestimmen.
- Kompetenz: das Erleben, etwas zu können und an einer Aufgabe zu wachsen.
- Soziale Eingebundenheit: das Erleben, dazuzugehören und gehört zu werden.
Legt man Markus' Montag neben diese drei Bedürfnisse, wird sichtbar, was passiert ist:
- Der Weg war vorgegeben, mit Architektur, Messwerten und Schrittplan. Für eigene Entscheidungen blieb kein Raum. Das trifft die Autonomie.
- Die schwierigste und schönste Arbeit, nämlich das Problem zu knacken, war bereits erledigt, und zwar von dem Menschen, an dem sich alle messen. Wer jetzt baut, kann bestenfalls nachbauen. Das trifft das Kompetenzerleben.
- Die Idee des Teams aus dem Frühjahr kam gar nicht erst zur Sprache. Das trifft die Eingebundenheit.
Drei Treffer mit einer einzigen, gut gemeinten Präsentation. Danach hilft es wenig, die Lösung noch besser zu erklären. Je überzeugender sie ist, desto deutlicher wird, dass sie nicht vom Team stammt. Die sechs Tickets sind in der Sprache der Theorie eine Aufgabe, die von außen gesteuert ist, und solche Aufgaben brauchen Druck, um sich zu bewegen.
Der IKEA-Effekt: Warum selbst gebaute Lösungen schwerer wiegen
Eine dritte Erklärung kommt aus der Verhaltensökonomie. 2012 veröffentlichten drei Forscher von der Harvard Business School, der Yale University und der Duke University im „Journal of Consumer Psychology“ eine Reihe von Experimenten mit Möbelbausätzen, Origami-Figuren und Steckbausteinen. Wer ein IKEA-Regal selbst zusammengebaut hatte, nannte dafür einen deutlich höheren Preis, verglichen mit einem identischen, fertig montierten Exemplar. Wer eine Origami-Figur selbst gefaltet hatte, bewertete sie ungefähr so hoch wie Außenstehende die Arbeit eines Origami-Profis. Die Forscher nannten das den IKEA-Effekt: Eigene Arbeit an einem Gegenstand erhöht den Wert, den man ihm beimisst, auch wenn das Ergebnis objektiv nicht besser ist. Wichtig war dabei, dass die Arbeit zu einem fertigen Ergebnis führte. Wer einen Bausatz aufgab, bevor er fertig war, schätzte ihn nicht höher.
Der IKEA-Effekt wirkt an Markus' Montag in zwei Richtungen. Das Team bewertet die Aufteilung nach Datum aus dem Frühjahr höher, weil es selbst darüber nachgedacht hat. Und Markus bewertet seinen Prototyp höher, weil er sein Wochenende hineingesteckt hat. Beide Seiten sitzen im Weekly mit einer Lösung, deren Wert sie überschätzen, ohne es zu merken. Nur eine Seite hat die Macht, ihre Lösung in Tickets zu verwandeln.
Liz Wiseman: Multiplikatoren und unabsichtliche Verminderer
Die vierte Linie führt zurück in die Softwarebranche. Liz Wiseman, geboren 1964, US-amerikanische Managementautorin, arbeitete von 1988 bis 2005 beim Softwarekonzern Oracle, wo sie die interne Akademie Oracle University aufbaute und als Vice President die Personalentwicklung leitete. In dieser Zeit fiel ihr auf, dass manche Führungskräfte ihre Leute sichtbar klüger machten und andere sie, bei ebenso viel Intelligenz und Einsatz, kleiner machten. Nach ihrem Weggang ging sie dieser Beobachtung systematisch nach und veröffentlichte 2010 gemeinsam mit einem Koautor das Buch „Multipliers“.
Wiseman unterscheidet zwei Typen:
- Multiplikatoren holen aus den Menschen um sich herum eine Denkleistung heraus, die diese selbst nicht für möglich hielten. Sie stellen Fragen, setzen anspruchsvolle Ziele und lassen Raum für Lösungen.
- Verminderer, im Englischen Diminishers, sind oft selbst brillant. Sie halten sich für die klügste Person im Raum, geben Antworten vor und treffen Entscheidungen allein. Ihre Leute arbeiten, aber sie denken nicht mehr mit.
In der überarbeiteten Ausgabe ihres Buchs rückte Wiseman eine Gruppe in den Mittelpunkt, die sie als unabsichtliche Verminderer beschrieb: Führungskräfte mit den besten Absichten, deren gute Eigenschaften die Wirkung eines Verminderers haben. Dazu zählen nach Wiseman unter anderem der Ideengeber, der so viele Ideen einbringt, dass das Team nur noch hinterherkommt, der Schnellantworter, der auf jede Frage sofort reagiert, und der Schrittmacher, der vorangeht und erwartet, dass die anderen das Tempo übernehmen.
Markus passt in zwei dieser Kategorien zugleich: Er hat die Idee geliefert und das Tempo vorgegeben. Wiseman beschreibt genau das Paradox, an dem er steht. Je klüger die Führungskraft, desto größer die Gefahr, dass ihre Klugheit die des Teams verdrängt. Der Begriff Multiplikator, den der Führungsstack für Layer 0 verwendet, steht in dieser Tradition.
Wo sich die Modelle reiben
Die vier Ansätze ergänzen sich weitgehend. Drei Fragen beantworten sie allerdings verschieden.
- Darf eine Führungskraft noch Maker sein? Graham verteidigt die Maker-Zeit und sieht in vielen Meetings eine Verschwendung. Viele technische Führungskräfte leiten daraus ab, dass sie selbstverständlich weiter programmieren sollten. Wiseman hält dagegen, dass gerade die Brillanz der Führungskraft das Team kleiner machen kann. Beide haben einen Punkt. Graham spricht über die Arbeit von Makern, Wiseman über die Wirkung von Chefs, und ein Teamleiter ist beides zugleich, oft ohne zu merken, welche Rolle gerade spricht.
- Wie absolut gilt das Bedürfnis nach Autonomie? Decis Befund löste einen jahrzehntelangen Streit aus. Zwei kanadische Verhaltensforscher kamen 1994 in einer Metaanalyse zu dem Schluss, dass Belohnungen die innere Motivation nur unter engen Bedingungen schwächen und bei uninteressanten Aufgaben sogar helfen können. Deci, Ryan und ein Kollege antworteten 1999 mit einer eigenen Metaanalyse, die den untergrabenden Effekt bestätigte. Für Führung folgt daraus eine Differenzierung: Nicht jede Aufgabe braucht maximalen Spielraum, und manche Menschen wünschen sich bei Routinearbeit eine klare Vorgabe. Der nächtliche Import war für das Datenteam allerdings keine Routine, und genau deshalb wog der Verlust an Spielraum so schwer.
- Wessen Bedürfnisse zählen? Graham beschreibt, was dem Maker in der neuen Rolle verloren geht, Deci und Ryan beschreiben, was das Team braucht. Legt man beides übereinander, ergibt sich eine unbequeme Einsicht: Die Selbstbestimmungstheorie gilt auch für Markus. Sein Kompetenzerleben hing jahrelang am Code, und in der neuen Rolle fehlt es ihm. Der Prototyp am Wochenende stillt sein eigenes Bedürfnis nach Kompetenz und verletzt am Montag dasselbe Bedürfnis bei seinem Team.
Gerade der dritte Punkt erklärt, warum gut gemeintes Micromanagement so hartnäckig ist. Es befriedigt die Führungskraft, und es schadet dem Team, und beides geschieht mit derselben Handlung.
Vom Maker zum Multiplikator: Layer 0 im Führungsstack
Im Führungsstack beginnt alles auf Layer 0, dem Kernel. Das OSI-Modell kennt diese Schicht offiziell nicht. Sie steht für das, was im Rechner vor allem anderen startet: die Firmware und der Kernel, der festlegt, wie Prozesse überhaupt laufen dürfen. In der Führung ist Layer 0 dein Selbstverständnis. Woran misst du deinen Wert? Was hältst du für deinen eigentlichen Job?
Zwei Modi lassen sich hier klar unterscheiden:
- Der Maker baut selbst. Sein Wert entsteht durch das, was er direkt herstellt. Er geht in die Tiefe und konzentriert sich auf die eigene Ausführung. Mit dieser Haltung hast du deine bisherige Karriere erfolgreich bestritten.
- Der Multiplikator baut durch andere. Sein Wert entsteht durch das, was er möglich macht: durch Klarheit, durch das Wegräumen von Hindernissen, durch gute Rahmenbedingungen. Er arbeitet in die Breite und misst sich an der Wirksamkeit seines Teams.
Der teuerste Fehler auf dieser Schicht besteht darin, offiziell Multiplikator zu sein und heimlich Maker zu bleiben. Markus hat am Wochenende als Maker gearbeitet und am Montag als Führungskraft präsentiert. Beim Team kam eine Anweisung mit Benchmark an.
Dass dieser Wechsel so schwerfällt, hat mit der Art zu tun, wie Karrieren verlaufen. Sie verlaufen in Stufen. Auf jeder Stufe beendest du einen Abschnitt als Profi und beginnst den nächsten als Anfänger. Als Entwickler warst du oben auf deiner Stufe angekommen. Als Teamleiter stehst du unten auf einer neuen. Für viele fühlt sich das wie ein Rückschritt an, gerade weil es mit einer Beförderung beginnt. Der deutsche Unternehmensberater Franz Metz, Geschäftsführer der Beratungsgruppe Palatina und Koautor des Buchs „Transition Coaching“ von 2010, dessen Geburtsjahr nicht veröffentlicht ist, beschreibt Karrieren deshalb als Treppenbewegung. In der Sprache der Selbstbestimmungstheorie heißt das: Wer eine Stufe hinaufsteigt, verliert vorübergehend genau das Kompetenzerleben, das ihn hinaufgebracht hat.
Auf der neuen Stufe greift der Mensch gern zu dem, was er sicher beherrscht. Für Techniker ist das die Technik. Die Lösung selbst zu bauen fühlt sich produktiv an, es gibt ein sichtbares Ergebnis, Messwerte, Anerkennung. Daraus entsteht leicht eine Spirale, die sich selbst bestätigt: Du baust die Lösungen, also lernt dein Team nicht, solche Lösungen zu bauen, also bist du von Menschen umgeben, die es weniger gut können, also ist es vernünftig, wieder selbst zu bauen. Am Ende dieser Spirale steht ein Teamleiter als Flaschenhals und ein Team, das wartet.
Typische Formen dieser freundlichen Variante von Micromanagement in IT-Teams sind:
- Du schaust jeden Pull Request selbst durch, auch die trivialen.
- Architekturentscheidungen stehen in deinem Kopf fest, bevor das Team darüber gesprochen hat.
- Du schreibst Tickets so detailliert, dass für eigene Gedanken kein Platz bleibt.
- Du baust abends Prototypen für Probleme, die eigentlich dem Team gehören.
- Dein Team fragt dich, bevor es entscheidet, auch bei Dingen, die es längst selbst entscheiden könnte.
Alles davon ist gut gemeint, und alles davon verschiebt Verantwortung in deine Richtung.
Was möglich ist
Deine technische Stärke ist kostbar, und niemand verlangt, dass du sie wegsperrst. Die Frage ist, in welcher Form sie dein Team erreicht. Eine Lösung, die du vorlegst, macht dein Team zum Ausführenden. Dieselbe Expertise kann ein Team auch klüger machen, wenn sie an der richtigen Stelle und im richtigen Moment einfließt. Genau dieser Wechsel ist das Firmware-Update, von dem Layer 0 handelt.
Man kann sich denselben Montag auch so vorstellen. Markus hat am Wochenende wieder auf den Import geschaut und gemerkt, wie es ihn in den Fingern juckt. Im Weekly zeigt er nur die Messwerte des nächtlichen Imports und sagt, dass ihn die fünf Stunden stören. Nach einer Pause erzählt die Kollegin von der Idee aus dem Frühjahr, ein anderer hält dagegen, ein Dritter bringt eine Variante ins Spiel. Markus steuert an einer Stelle sein Wissen über Paketverarbeitung bei, als einen Gedanken unter mehreren. Die Lösung, die das Team zwei Wochen später baut, ist eine Mischung, und sie ist nicht ganz so elegant, wie sein Prototyp gewesen wäre. Die Tickets bewegen sich trotzdem, weil sie dem Team gehören.
Im Kurs Führungsstack ist Layer 0 der erste Baustein. Er zeigt, wie man als ehemaliger Spitzentechniker merkt, wann der Maker-Reflex übernimmt, und wie man das eigene Wissen so ins Team gibt, dass am Ende das Team die Lösung besitzt. Der Kurs richtet sich an Teamleiter, die ihre Führungsausbildung selbst in die Hand nehmen, mit etwa zehn Stunden Zeitaufwand und für unter 500 € aus eigener Tasche. Wer wissen möchte, wann er startet, findet auf führungsstack.de die Warteliste.
Eine Lösung, die nur dir gehört, wirst du am Ende auch allein bauen müssen.
Quellen
- Cameron, Judy; Pierce, W. David: Reinforcement, Reward, and Intrinsic Motivation. A Meta-Analysis. In: Review of Educational Research 64 (3), 1994, S. 363–423.
- Deci, Edward L.: Effects of Externally Mediated Rewards on Intrinsic Motivation. In: Journal of Personality and Social Psychology 18 (1), 1971, S. 105–115.
- Deci, Edward L.; Koestner, Richard; Ryan, Richard M.: A Meta-Analytic Review of Experiments Examining the Effects of Extrinsic Rewards on Intrinsic Motivation. In: Psychological Bulletin 125 (6), 1999, S. 627–668.
- Deci, Edward L.; Ryan, Richard M.: Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior. Plenum, New York 1985.
- Graham, Paul: Maker's Schedule, Manager's Schedule. Essay, paulgraham.com, Juli 2009.
- Heinze, Holger: Der Führungsstack. Ein Führungssystem von Techies für Techies. Metakonkret, Oberursel 2026.
- Metz, Franz; Rinck, Elmar: Transition Coaching. Führungswechsel meistern – Risiken erkennen – Businesserfolg sichern. Hanser, München 2010.
- Norton, Michael I.; Mochon, Daniel; Ariely, Dan: The IKEA Effect. When Labor Leads to Love. In: Journal of Consumer Psychology 22 (3), 2012, S. 453–460.
- Wiseman, Liz; McKeown, Greg: Multipliers. How the Best Leaders Make Everyone Smarter. HarperBusiness, New York 2010. Überarbeitete Ausgabe 2017.
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